|
Chronik Südtirol
01.01.1906 Erste Ausgabe des "Archivio per l'Alto Adige" des italienischen Nationalisten Ettore Tolomei (1865-1952). Das "Archivio" war Tolomeis Instrument im Kampf um die Gewinnung Südtirols für Italien. Die einige Jahre zurückliegende, angebliche Erstbesteigung des Glockenkarkopfes in den Ahrntaler Alpen durch Tolomei und die Benennung des Berges mit "Vetta d'Italia" sollte unter anderem die Italianität Südtirols beweisen. In Band 11 des "Archivio" veröffentlichte Tolomei auch sein erstes "Prontuario dei nomi locali dell'Alto Adige" mit der Übersetzung von ca. 10.000 Südtiroler Orts- und Flurnamen ins Italienische. Auf der Grundlage dieses "Prontuarios" unterzeichnete König Viktor Emanuel am 29. März 1923 das Dekret zur Italianisierung
1915 "Londoner Vertrag" zwischen Rußland, Großbritannien, Frankreich und Italien: Rom tritt auf die Seite der Entente-Mächte und erhält dafür Triest, das Trentino und Südtirol bis zum Brenner zugesprochen.
1915-1918 Als 1915 Italien gegen Österreich in den Krieg eintrat, war Tirol ohne militärischen Schutz, da die ordentlichen Truppen bereits an der russischen und serbischen Front kämpften. Kaum 20.000 Mann militärischer und paramilitärischer Einheiten standen im Land. So formierte sich nochmals aus den unter 21- und über 43-Jährigen – die dazwischen liegenden Jahrgänge waren bereits einberufen – der Landsturm, wie 1703, 1809, 1848, 1859 und 1866. Dieser sicherte die Grenze Tirols so lange, bis von den übrigen Fronten ordentliche Truppen herangezogen waren. Trotz erfolgreicher Verteidigung der Grenzen Tirols gegen Italien scheiterten die Versuche Österreichs, nach dem Untergang der Donaumonarchie das Land Tirol vor der Zweiteilung zu bewahren. 1918 Sterzinger Volkstag des Tiroler Volksbundes unter Beteiligung von offiziellen Vertretern aller bürgerlichen Parteien. In einem 14-Punkte-Programm verlangen die Parteien u.a. die Verlegung der Grenze an die Südspitze des Gardasees und die Grenzkorrekturen unter Einbeziehung deutscher Siedlungsinseln.
10.9.1919 Mit dem Friedensvertrag von Saint Germain wird Tirol südlich des Brenners zu Italien geschlagen. England und Frankreich haben bereits im Londoner Vertrag von 1915 Italien für dessen Kriegseintritt an der Seite der westlichen Alliierten die Brennergrenze zugesichert. Italien erhält im Friedensvertrag keinerlei Auflage für den Schutz der deutschen und slowenischen Minderheiten.
- 24.4.1921
- „Blutsonntag“ in Bozen: Der Marlinger Lehrer Franz Innerhofer wird von einem Faschisten erschossen.
- 28.10.1922
- Am 28. Oktober 1922 treten die Faschisten den Marsch auf Rom an. Am nächsten Tag übergibt der schwache König Viktor Emanuel II dem Führer (Duce) der faschistischen Partei, Benito Mussolini, die Regierung und damit die Macht im Staate. Die Faschisten haben sich die Vernichtung der deutschen Minderheit auf ihre Fahne geschrieben. Man kann ihr Programm in diesem Zusammenhang in drei Abschnitte unterteilen: Entnationalisierung der Südtiroler, Massenansiedlung von Italienern und Aussiedlung der Südtiroler. Mit Dekret des faschistischen Präfekten wird jeder Unterricht in der deutschen Sprache verboten und unter Strafe gestellt. Lehrpersonen, die beim Deutschunterricht ertappt werden, wandern in die Gefängnisse und werden auf die Strafinseln oder in abgelegene Orte Süditaliens verbannt. Alle deutschen Lehrpersonen werden des Dienstes enthoben oder in die altitalienischen Provinzen versetzt. Ebenso werden alle deutschen Beamten entlassen und keine neuen mehr eingestellt. Kanonikus Michael Gamper schafft mit Hilfe von mutigen Lehrkräften ein über das ganze Land verbreitetes Netz von deutschen Geheimschulen (Katakombenschulen). Der Klerus erzwingt den Religionsunterricht in der Muttersprache. Italienisch ist bereits seit 1925 zur alleinigen Amtssprache dekretiert worden. Schon 1923 hat man italienische Ortsnamen eingeführt und den Namen Tirol verboten.
- 20.2.1935
- Trotz aller Verbote und Gebote kann mit dieser Methode Südtirol nicht zu einem italienischen Land gemacht werden. Der Faschismus leitet also die zweite Phase ein. Am 20. Februar 1935 erteilt Mussolini der Großindustrie in Mailand und in Piemont den Auftrag, Niederlassungen in Bozen zu errichten. Die Baugründe, etwa drei Millionen Quadratmeter am Südrand der Stadt, werden enteignet und im Spätsommer 1935 besetzt. 50.000 Obstbäume und Tausende von Edelreben werden unmittelbar vor der Ernte vernichtet. Anfang 1937 nehmen die Zweigbetriebe der Lancia-Werke von Turin, die Stahlwerke von Mailand, das Aluminiumwerk der Montecatini und das Magnesiumwerk ihre Produktion auf. Gleichzeitig mit dem Aufbau der Industriezone werden Tausende von italienischen Familien nach Bozen geschleust. Südtiroler dürfen in den Werken nicht beschäftigt werden.
- 7.5.1938
- Deutsche Truppen rücken in Österreich ein. Das Dritte Reich Adolf Hitlers steht am Brenner. Hitler hat aus seiner feindseligen Einstellung gegen die Südtiroler nie ein Hehl gemacht. Der Diktator wollte den italienischen Amtskollegen Benito Mussolini unbedingt für seine Kriegsabsichten zum Bundesgenossen gewinnen. In diesem Bemühen stellte Südtirol einen nicht geringen Störfaktor dar. Anlässlich seines Staatsbesuches in Rom erklärt Hitler in seinem Trinkspruch am 7. Mai 1938: „Es ist mein unerschütterlicher Wille und mein Vermächtnis an das deutsche Volk, dass es die von der Natur uns beiden aufgerichtete Alpengrenze immer als eine unantastbare ansieht.“
- 22.6.1939
- In Berlin wird das Deutsch-Italienische Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler geschlossen. Sie können bis zum 31. Dezember 1939 für die deutsche Staatsbürgerschaft optieren mit der Verpflichtung der Auswanderung oder für die Beibehaltung der italienischen mit der Drohung, dass sie keinen Schutz für ihr Volkstum mehr in Anspruch nehmen könnten. Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, den Hitler mit der Durchführung der Option beauftragt hat, will reinen Tisch machen. Das Land soll von seinen deutschen Bewohnern restlos geräumt werden.
- 1.1.1940
- Am 31. Dezember 1939 ist die Optionsfrist abgelaufen. Verlässlichen privaten Quellen zufolge haben sich von den 246.036 Optionsberechtigten des heutigen Landes S&uumdtirol mit dem Unterland 211.799 für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden und 34.237 für die Beibehaltung der italienischen. Die Option hat im Volk eine tiefe Kluft gerissen. Die Minderheit der Nichtoptanten, der Dableiber, war schweren Anfeindungen und Übergriffen von Seiten der Optantenmehrheit ausgesetzt. Von den Optanten für Deutschland sind 75.000 abgewandert.
- 8.9.1943
-
Italien schließt mit den Alliierten Waffenstillstand. Deutsche Truppen besetzen den größten Teil des Landes bis Neapel. Der Tiroler Gauleiter Franz Hofer wird zum Obersten Kommissar der so genannten „Operationszone Alpenvorland“ ernannt, die aus den drei Provinzen Bozen, Trient und Belluno gebildet worden ist. Der Kommissar stellt in Südtirol vier Polizeiregimenter auf, zu denen auch Nichtoptanten eingezogen werden. Auf die Verweigerung des Einberufungsbefehls steht die Todesstrafe. Für die Familien der Kriegsdienstverweigerer führt Hofer die Sippenhaft ein. Sie werden verhaftet und ins berüchtigte Arbeits- und Durchgangslager in der Kaiserau bei Bozen eingeliefert. Trotz aller Strafandrohungen entziehen sich 276 Südtiroler der Einberufung; sie wollen nicht für Hitler kämpfen, der ihre Heimat verraten hat. Wegen Widerstandes gegen das Naziregime werden vom 8. September 1943 bis Kriegsende 24 Südtiroler erschossen, 166 in Konzentrationslager verschickt und 140 ins Gefängnis gebracht. Auf den Schauplätzen des von Hitler in seinem verbrecherischen Wahnsinn vom Zaune gebrochenen Krieges mussten 8025 Südtiroler ihr Leben lassen.
-
April: In Österreich konstituiert sich die provisorische Staatsregierung unter Staatskanzler Karl Renner. Sie proklamiert die Wiederherstellung der Republik Österreich. Benito Mussolini wird von Partisanen am Comer See festgenommen und am Tag darauf erschossen.
-
Mai 1945 Die Oberbefehlshaber der deutschen Streitkräfte in Italien unterzeichnen ohne Wissen des deutschen Hauptquartiers mit den Alliierten einen Waffenstillstand zum 30. April. In den ersten Maitagen rücken die Alliierten in Südtirol ein.
-
8. Mai Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. In Italien kapitulieren die deutschen Streitkräfte schon am 2. Mai. Am 8. Mai wird in Bozen die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet.
-
12. Mai Bruno De Angelis wird von den Alliierten als Präfekt von Bozen eingesetzt. Als Stellvertreter werden Visco Gilardi und Walther Amonn bestellt.
-
23. Mai Karl Gruber wird von der US-Besatzungsmacht als Landeshauptmann von Tirol bestätigt und offiziell anerkannt.
-
11. Juli In einer italienischen Regierungserklärung wird den Südtirolern die Gleichstellung der deutschen Sprache sowie eine deutschsprachige Schule zugesichert.
-
4. September Großkundgebung für Südtirol in Innsbruck mit über 30.000 Teilnehmern. Die französische Besatzungsmacht sorgt für ein Maximum an Publizität und spricht sich für eine Rückgliederung Südtirols an Österreich aus. Karl Gruber übermittelt den Staatschefs und Außenministern der USA, Großbritanniens, der Sowjetunion und Frankreichs die Bitte, den Südtirolern die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit Österreich zu geben.
-
11. September bis 2. Oktober Außenministerkonferenz der Großmächte in London. Eine Rückkehr Südtirols zu Österreich wird von keiner Seite vorgeschlagen. Die Außenminister entscheiden sich für die Beibehaltung der Brennergrenze. US-Außenminister James Francis Byrnes legt die Zusatzformel vor, in der die Grenze Österreichs mit Italien „unverändert bleibt, mit der Ausnahme, jeden Fall zu hören, den Österreich für kleinere Grenzberichtigungen (’Minor rectifications‘) zu seinen Gunsten vorbringt“. Von dieser Position gehen die Großmächte in der Folge nicht mehr ab.
-
27. Oktober Per Gesetzesdekret genehmigt Italien deutsche Schulen in Südtirol.
-
10. Dezember Alcide Degasperi löst Ferruccio Parri als Ministerpräsident ab und behält die Leitung des Außenministeriums bis zum 17. Oktober 1946 bei. Degasperi gilt als Vertrauensmann der USA.
-
4. März 1946 Der britische Außenminister Ernest Bevin beendet die interne Diskussion über die Südtirolfrage in seinem Ministerium und entscheidet für Italien, obwohl Österreich die „besseren Argumente“ habe. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Standpunkt Großbritanniens in Bezug auf Südtirol nicht klar.
-
22. April Großkundgebung für die Wiedervereinigung Südtirols mit Österreich in Innsbruck. Dabei werden dem österreichischen Bundeskanzler Leopold Figl 155.000 Unterschriften übergeben, die in Südtirol und in Österreich unter den Südtirol- Optanten gesammelt worden waren.
-
26. April Im US-Außenministerium wird die endgültige Entscheidung getroffen, dass die Grenze zwischen Österreich und Italien unverändert bleiben soll.
-
1. Mai Die Grundsatzentscheidung der Außenministerkonferenz vom September/Oktober 1945 wird bestätigt. Südtirol bleibt bei Italien, eine Volksabstimmung wird abgelehnt, einzig „kleinere Grenzberichtigungen“ werden ins Auge gefasst. Die Bekanntgabe des Beschlusses des Außenministerrates ruft in Tirol einen Proteststreik und Demonstrationen hervor.
-
30. Mai Außenminister Gruber und der Delegierte Italiens, Botschafter Graf Niccolò Carandini, legen den Alliierten die Auffassungen ihrer Regierungen über die Grenzziehung zwischen Österreich und Italien dar. Gruber trägt – ohne Absprache mit den Südtirolern – die Forderung nach einer kleineren Grenzberichtigung, der so genannten Pustertallösung, vor. Gleichzeitig wird eine Rechtsverwahrung hinsichtlich der Selbstbestimmung für Südtirol eingebracht.
-
24. Juni Der Außenministerrat lehnt die Pustertallösung als kleinere Grenzberichtigung ab.
-
30. Juni Landesweit finden in Nord- und Südtirol Herz-Jesu-Prozessionen statt. Dabei wird für das Selbstbestimmungsrecht demonstriert.
-
29. Juli bis 15. Oktober In Paris beginnt die permanente Tagung der Friedenskonferenz. Die Konferenz arbeitet die Friedensverträge mit Italien, Finnland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn aus. Die von der Moskauer Außenministerkonferenz vorgeschlagenen Vertragsentwürfe beinhalten in Bezug auf Südtirol den freien Güter- und Personenverkehr zwischen Nord- und Südtirol.
-
7. August Die SVP gibt die Losung für die Südtiroler Delegation in Paris, Friedl Volgger und Otto von Guggenberg, aus. Sollte die Forderung nach Volksabstimmung nicht durchsetzbar sein, werden als Alternativen die Internationalisierung (Südtirol unter internationaler Kontrolle), die so genannte Liechtensteinlösung und erst dann die Autonomie festgelegt.
-
5. September Außenminister Gruber ist bereit, die Nennung des territorialen Geltungsbereichs der Autonomie offenzulassen. Er bittet Botschafter Carandini, das Gleiche zu tun, und nicht direkt auf die Vereinigung der beiden Provinzen Bozen und Trient hinzuweisen: Damit ist der Weg für die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen Alcide Degasperi und Karl Gruber in der italienischen Gesandtschaft geebnet, die als „Pariser Abkommen“ im Artikel 10 Bestandteil des italienischen Friedensvertrags wird. Ergänzt wurde das Abkommen durch einen Briefwechsel zwischen Degasperi und Gruber vom selben Tag. In der Antwort des Ministerpräsidenten heißt es, dass die italienische Regierung bereit sein werde, alle Vorschläge der österreichischen Regierung genau zu prüfen („give careful attention“), die auf die beste Lösung der in Artikel 10 sowie der im Text der Vereinbarung enthaltenen Punkte abzielen.
|